"Ich kann also feststellen, dass auch die beiden Ressorts Heidenheim und Kultur der Heidenheimer Neuen Presse zum Dezember mit der Redaktion der Heidenheimer Zeitung fusionieren werden."
Die letzte Samstagausgabe der Heidenheimer Zeitung präsentiert auf der lokalen Seite 3 ein Interview mit Verleger Hans-Jörg Wilhelm, der dort auf einer Dreiviertel-Seite das ankündigt, was die Spatzen schon vom Heidenheimer Schloßdach gezwitschert hatten. Demnach wird es ab Dezember im Landkreis Heidenheim nur noch eine einzige Redaktion geben. Die Titel bleiben, das Ergebnis auf dem Papier wird dann aber identisch sein.
"Wir haben eines der schwierigsten Wirtschaftsjahre unserer Geschichte hinter uns. Und ich sehe noch nicht, dass es in unserer Branche aufwärts ginge", beschreibt der von HZ-Chefredakteur Dr. Hendrik Rupp befragte Verleger die aktuelle Lage. Um gleich hinzu zu fügen, dass man auch im Internet die Top-Position besetze. Mit der Produktion einer Tageszeitung, der Sonntagszeitung, der "Neuen Woche" (Anzeigenblatt), dem Magazin "Daheim", einem künftigen Jugendmagazin, top-aktuellen Online-Nachrichten und dem neuen twitter-Account und einer Zusammenarbeit mit einem Radiosender sei man mehr als vielfältig auf dem regionalen Medienmarkt.
Spätestens hier müßten die eingeweihten Medienkenner des Landkreises Heidenheim verwundert die Stirn gerunzelt haben. Abgesehen von der ohnehin schon schwierigen Situation des Monopolisten in der Region verkennt Wilhelm die eigene Situation gehörig. Oder er will die Wahrheit nicht wahrnehmen.
Wie merkwürdig auch die Redaktion diese Wahrheit wahrnimmt, offenbart sich spätestens eine Seite später, in der Online-Redakteur Arthur Penk mit insgesamt 4056 Zeichen (!) den Zeitungslesern vorstellt, dass nunmehr auch das Pressehaus des Verlages bei twitter mitzwitschert. Obgleich mehr als die Hälfte des Textes dafür verschludert wird, welcher Schindluder zuweilen auf twitter zu finden sei, hier die originelle Begründung: "Aber bevor sich jemand anders als HZ in twitter ausgibt und womöglich falsche Nachrichteneier legt bekennt sich die lokal unangefochtene Nachrichtenzentrale zu ihrem neuen Auftritt unter www.twitter.com/pressehaus". Und es wird noch besser: "Zeitung ohne Zukunft? Falsch! Keine Zukunft ohne Zeitung - daran werden Breitband, Bits und Bytes nichts ändern können".
Als ehemaliger Zeitungsredakteur verschiedener Tageszeitungen, der mittlerweile die gesamte Medienlandschaft in Deutschland sehr genau beobachtet, dreht sich hier alles um. Die Wahrnehmung der Wirklichkeit des Pressehauses Heidenheim scheint mir sehr frappierend.
Nur kurz: Die hier aufgeführten Artikel sind online natürlich nicht verfügbar, weil der gedruckte Text ohnehin nur den Abonennten zur Verfügung gestellt wird! Der gerade erst eingerichtete twitter-Account hat gerade mal 41 Follower, man selbst folgt nur 17 twitterern. Die dort abgesetzten tweets sind nicht kontinuierlich, wenig dialogorientiert. Die Mediendaten für 2010 weisen nirgendwo auf die Frequenz des Online-Angebotes, lediglich die Bannerpreise werden dort aufgeführt.
Die grafische Darstellung der Online-Darstellung des Verlages ist mal Geschmackssache, von einem modernen Layout und Design wollen wir hier aber nicht reden. Die technische Darstellung scheint aber auch nicht von besonders hoch: Das System benutzt das veraltete Font-Tag zur Kennzeichnung von Texten, es sind keine Key-Words vorhanden, es ist keine Meta-Description vorhanden, die Seite verwendet Tabellenkonstrukte für das Layout, ist für Suchmaschinen kaum sichtbar und weist nur sehr wenige Social Bookmarks auf.
Inhaltlich ist die Online-Ausgabe schlichtweg ein Graus: Durchweg ältere Artikel (nur als Teaser), keine automatische Aktualisierung, insgesamt schwer navigierbar. Die wenigen Video-Angebote sind schon in der Navigation eine Zumutung, die Videos selbst können zumindest mal als kurios hingenommen werden.
Immerhin gibt es seit einiger Zeit den HNP-Blog, der aber zumeist nur als Ablage von Nettigkeiten oder Kuriositäten dient, den wahren Blog-Charakter aber noch lange nicht erfasst hat. Gespannt bin ich auf den neuen Jugend-Blog "NOISE", der mit einem monatlich erscheinenden Magazin korrespondieren soll (erscheint am nächsten Freitag zum ersten Mal).
Meine Vermutung zur Zukunft des Verlages und der darin aufgeführten Objekte: Das Thema Internet ist im Pressehaus noch lange nicht angekommen und wird nur halbherzig betrieben. Die derzeitige Entwicklung, die vom Verlag aber mit Sicherheit nicht offen kommuniziert wird, sieht mit größter anzunehmender Wahrscheinlichkeit noch schlimmer aus. Dem Verlag fehlt es nach meiner Meinung am Mut, um hier aus dem Vorteil der Marktsituation mehr für sich machen zu können. Viel zu lange hat man sich dagegen gestemmt und immer wieder auf eine Besserung des Marktes gehofft.
Noch immer kämpfen viele Verleger gegen Google, anstatt sich die Vorteile dieser Suchmaschine zum eigenen Nutzen zu verschaffen. Viele Verlage und Journalisten haben aber in der jüngeren Vergangenheit die Chancen des Internets für sich erkennen können. Auch wenn die Erlös-Situation von recherchierten Nachrichten noch nicht zufriedenstellend ist für die Herausgeber, gibt es dennoch insbesondere für die regionalen Medien durchaus eine große Chance, aus der vielleicht noch vorhandenen Leser-Blatt-Bindung mehr zu machen. Immerhin: Gute Vorschläge gibt es ja, gleichwohl, sie werden zu wenig in die Tat umgesetzt.
Ich wünsche dem Lokaljournalismus im Landkreis Heidenheim und dem Verlag mehr Erfolg! So aber ist dieser nicht zu erreichen.
cdv!
Letzte Kommentare